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Mit Fett gegen Fett

Mit Fett gegen Fett

Foto: Braunes Fettgewebe

Starkes Übergewicht, also Fettleibigkeit oder Adipositas, greift um sich wie eine Pandemie. Die WHO schätzte 2006, dass in Europa die Hälfte aller Erwachsenen und ein Fünftel aller Kinder übergewichtig sind.

Von dieser Gruppe gilt etwa ein Drittel als adipös. 2009 bestätigte ein Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes diese Zahlen für Deutschland – 15 Prozent der Deutschen wurden als adipös eingestuft. Heute sind zehnmal mehr europäische Kinder fettleibig als noch 1970. Auf das Konto der Adipositas gehen zahlreiche Erkrankungen, am schwerwiegendsten darunter sind Typ 2-Diabetes, Herzkreislauf-Krankheiten und Krebs.

Adipositas entsteht, wenn der Körper überschüssige Energie in Form von Fettmolekülen im weißen Fettgewebe speichert. Große Depots davon finden sich etwa an Bauch, Hüften und Gesäß. Neben den weißen Fettzellen existiert jedoch eine zweite Art von Körperfett, das braune Fettgewebe. Im Gegensatz zum weißen Fettgewebe, das Energie speichert, verbraucht das braune Fettgewebe Energie, indem es sie in Wärme umwandelt.

Bis vor kurzem gingen Wissenschaftler davon aus, dass bei Menschen nur Säuglinge aktives braunes Fettgewebe besitzen. Erst 2007 wiesen mehrere Forschergruppen diesen Gewebetyp auch bei Erwachsenen nach. Außerdem zeigten Wissenschaftler um Stephan Herzig im DKFZ im vergangenen Jahr, dass das körpereigene Entzündungshormon Prostaglandin innerhalb des weißen Fettgewebes die Entstehung von Zellen anregt, die viele Charakteristika der braunen Fettzellen haben.

Diese Ergebnisse eröffnen eine völlig neuartige Möglichkeit, die Fettleibigkeit zu bekämpfen: Die Aktivierung oder Regeneration von nur kleinen Mengen an braunem Fettgewebe würde den Abbau des weißen Fetts, den Glukoseverbrauch und damit auch den Energieverbrauch eines Menschen signifikant steigern. Dafür spricht auch die Beobachtung, dass schlanke Menschen – relativ – mehr braunes Fettgewebe besitzen als übergewichtige. Daher suchen die Forscher nach Wegen, um durch Ernährung oder mit Medikamenten das braune Fettgewebe zur Vermehrung oder zu verstärkter Wärmeproduktion anzuregen. Einige Wissenschaftler überlegen sogar, braune Fettzellen zu transplantieren.

„Schätzungen gehen davon aus, dass 50 Gramm mehr braunes Fettgewebe ausreichen würden, um den Energieverbrauch eines Erwachsenen um 20 Prozent zu steigern“, erklärt Herzig. „Uns geht es dabei nicht darum, Menschen zu einer vermeintlichen Traumfigur zu verhelfen. Unser Ziel ist vielmehr, bei schwer übergewichtigen Personen eine gestörte Glukosetoleranz zu beheben, also die Wirkung von Insulin zu verbessern und damit einem Typ 2-Diabetes entgegenzuwirken.“

Zu diesem Zweck haben sich die Forscher um Herzig mit 19 Partnerinstitutionen aus 12 europäischen Ländern zusammengeschlossen. Die Europäische Union fördert das Forschungsvorhaben über die nächsten vier Jahre mit insgesamt sechs Millionen Euro. Das Konsortium hat sich den Namen „DIABAT“ gegeben, ein Kunstwort, das „Diabetes“ und die Abkürzung für „brown adipose tissue“, braunes Fettgewebe, vereint. Herzig freut sich: „Das ist das erste Mal, dass die Erforschung der vielversprechenden Eigenschaften von braunem Fettgewebe in Europa im großen Rahmen gefördert wird.“

MEDICA.de; Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum